Chats und Diskussionen im Internet (1997)

„Computer machen einsam“ lautet oft der Vorwurf an die beigefarbenen Elektronengehirne. Das mag in einigen Bereichen stimmen, doch spätestens, sobald der Computer Anschluß an das weltweite Internet findet, ist von Einsamkeit keine Spur. Nicht nur der Computer ist dann mit mehreren Millionen anderen Computer verbunden, sondern auch der Anwender mit Millionen anderen Anwendern. Damit die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht zu kurz kommen, gibt es im Internet spezielle Dienste, über die sich jeder Internet-Teilnehmer mit jedem anderen unterhalten kann. Die Unterhaltung spielt sich zwar nicht von Angesicht zu Angesicht ab, aber immerhin von Tastatur zu Tastatur. Statt gesprochener Worte tauschen die Diskussionsteilnehmer Textbotschaften aus, entweder oder live oder zeitversetzt.

Live-Talk im Internet Relay Chat (IRC)

Das Internet kennt zwei verschiedene Möglichkeiten, mit anderen Internet-Teilnehmer zu plaudern. Die beliebteste Möglichkeit ist der Live-Talk, das direkte Gespräche mit anderen Gesprächspartnern. Hierfür gibt es im Internet einen eigenen Bereich namens Internet Relay Chat, kurz IRC. Das Prinzip im IRC ist einfach: Ähnlich dem CB-Funk gibt es im IRC spezielle Kanäle, über die Sie sich „live“ mit anderen Gesprächspartnern unterhalten – mit ihnen „chatten“ (plaudern) – können. Und wie beim CB-Funk gibt es für auch beim „Internet-Funk“ für nahezu jedes Themengebiet einen eigenen Kanal. Hier treffen sich beispielsweise Anonyme Alkoholiker, Schüler, Spielefreaks, Computerneulinge, Katzenliebhaber, Skatspieler oder die über 40-jährigen in eigens für sie eingerichteten Kanälen. Nicht weniger als 4.000 Kanäle sind weltweit in den verschiedensten Sprachen verfügbar.

Allerdings gibt es im Vergleich zum klassischen CB-Funk einen großen Unterschied: Die Unterhaltung erfolgt nicht via Mikrofon und Lautsprecher, sondern ausschließlich über die Tastatur. Wer etwas zu sagen hat, schreibt es seinem Gegenüber. Wer an den teilweise lebhaften Diskussionen teilhaben möchte, sollte daher gewisse Schreibmaschinenkenntnisse mitbringen. Je flinker die Finger über die Tastatur flitzen, desto spontaner und umfassender fallen die Antworten aus.

Diskussionen aus der Konserve

Die Live-„Gespräche“ im Internet Relay Chat sind zwar oft sehr spannend und lebhaft, haben aber einen entscheidenden Nachteil: Während der Plauderstunde tickt der Gebührenzähler der Telekom im Hintergrund unerbittlich weiter. Jede Minute im IRC kostet bares Geld. Und da sich die Gespräche häufig zu lebhaften Diskussionen entwickeln, verbringt man schnell ein, zwei oder mehr Stunden in einem Kanal. Die Telefonrechung sowie die Gebühren für den Internet-Anbieter fallen dementsprechend hoch aus.

Wer sparen möchte (oder muß) oder nur wenig Zeit hat, muß aber dennoch nicht auf mitreißende Diskussionen und lebhafte Gespräche verzichten. Neben dem Live-Chat gibt es im Internet das sogenannte Usenet, auch Newsgroups genannt. Hier können Sie sich ebenfalls mit anderen Internet-Teilnehmern treffen und sich über „Gott und die Welt“ unterhalten. Allerdings nicht live, sondern zeitversetzt.

Die Newsgroups arbeiten wie schwarze Bretter: Im digitalen schwarzen Brett veröffentlicht ein Teilnehmer eine Frage zu einem bestimmten Thema und verläßt das Brett wieder; er heftet die Mitteilung praktisch mit einer digitalen Stecknadel direkt an die virtuelle Pinnwand. Andere Teilnehmer können die Nachricht zu einem späteren Zeitpunkt – beispielsweise erst einige Tage später – lesen und darauf antworten oder ihrerseits einen neuen Zettel an das Brett heften. Im Gegensatz zum Internet Relay Chat erfolgt die Kommunikation im Usenet indirekt: Jeder Anwender kann die aktuell verfügbaren Informationen einsehen und darauf zeitversetzt reagieren. Die Kosten halten sich dabei in Grenzen. Spezielle Programme – sogenannte Newsreader – ermöglichen es, innerhalb weniger Minuten sämtliche Informationen eines „schwarzen Bretts“ zu lesen und auf die lokale Festplatte des Computers zu speichern. Die Informationen sind somit auch dann verfügbar, wenn die Verbindung ins Internet längst gekappt wurde. Sie können die einzelnen Nachrichten dann offline – ohne Telefonverbindung – durchsehen und ohne Zeitdruck beantworten oder eine neue Diskussion beginnen.

Wie im Internet Relay Chat gibt es auch in den Newsgroups eine schier unendliche Themenvielfalt. Zu nahezu jedem Interessengebiet existiert ein eigenes schwarzes Brett. Die Themen drehen sich keinesfalls nur um Computer, Hardware oder Software. Auch der Michael Jackson-Fanclub, die Vereinigung der Brieftaubenzüchter oder die Fans klassischer Literatur haben ihre eigene Newsgroup. Derzeit existieren im Internet über 10.000 verschiedene Newsgroups (Stand: August 1997).

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